Was bleibt von der Tariferhöhung netto? Kalte Progression erklärt

Eine Tariferhöhung wird als Brutto-Prozentsatz verkündet. Auf dem Konto landet aber das Netto – und dort ist der Zuwachs immer kleiner als der angekündigte Prozentsatz. Der Grund heißt kalte Progression. Dieser Artikel zeigt an der jüngsten Erhöhung, wie groß der Unterschied wirklich ist – gerechnet mit dem Steuermodell des Gehaltsrechners, nicht mit einer Faustregel.

Brutto ist nicht netto

Der folgende Vergleich nimmt das Eckentgelt in Baden-Württemberg inklusive Leistungszulage als Referenzgehalt und rechnet die letzte Tariferhöhung für jede Steuerklasse in Netto um:

Brutto/Monat

+3,1 %

+128,23 € 2025 → 2026

Netto/Monat

+2,6 %

+68,24 € Steuerklasse 1

Vom Brutto-Plus bleibt netto

53,2 %

Steuerklasse 1

Netto-Effekt der Tariferhöhung 2025 → 2026 für das Eckentgelt in Baden-Württemberg (inkl. Leistungszulage), je Steuerklasse. Beide Monate unter den Steuerwerten 2026.
SteuerklasseNetto vorherNetto nachherNetto-Plus/MonatNetto-ErhöhungAnteil am Brutto-Plus
1 2.675,69 €2.743,93 €+68,24 €+2,6 %53,2 %
3 3.005,19 €3.080,35 €+75,16 €+2,5 %58,6 %
4 2.675,69 €2.743,93 €+68,24 €+2,6 %53,2 %
5 2.333,94 €2.397,85 €+63,91 €+2,7 %49,8 %

Gegenläufig: Der Grundfreibetrag stieg 12.096,00 € → 12.348,00 € (2025 → 2026). Beim neuen Bruttowert bringt allein diese Anpassung in Steuerklasse 1 rund 9,17 € netto im Monat zurück – ein Teil der kalten Progression wird so ausgeglichen.

Schätzung – keine Steuerberatung. Die tatsächlichen Werte können abweichen.

Das Ergebnis überrascht viele: Vom Brutto-Plus bleibt netto nur etwa die Hälfte übrig. Der prozentuale Netto-Zuwachs liegt spürbar unter dem Brutto-Prozentsatz.

Warum die kalte Progression den Anteil schmälert

Die Einkommensteuer steigt mit dem Einkommen nicht linear, sondern progressiv: Jeder zusätzliche Euro wird mit einem höheren Grenzsteuersatz belastet als der vorige. Eine Gehaltserhöhung besteht genau aus solchen zusätzlichen Euro – sie wird also am oberen, teureren Rand des Einkommens besteuert. Dazu kommen die Sozialabgaben. Deshalb ist der Netto-Anteil einer Erhöhung kleiner als ihr Brutto-Anteil. Steigen die Preise gleichzeitig, kann eine nominale Erhöhung real sogar zu einem Minus führen, obwohl der Steuertarif unverändert bleibt – das ist der Kern der kalten Progression.

Die Gegenrichtung: angepasste Steuerwerte

Der Gesetzgeber gleicht die kalte Progression teilweise aus, indem er den Grundfreibetrag und die Tarifeckwerte anhebt. Genau das ist zum aktuellen Steuerjahr passiert: Der steuerfreie Grundbetrag wurde erhöht, wie die Anmerkung unter der Tabelle mit den konkreten Werten zeigt. Diese Anpassung gibt einen Teil der progressionsbedingten Mehrbelastung zurück. Beide Richtungen gehören zusammen – wer nur eine nennt, verzerrt das Bild.

Der Bogen zurück zur Inflation

Ob eine Erhöhung die Kaufkraft sichert, entscheidet sich am Netto nach Abzug der Inflation. Der Brutto-Blick darauf steht im Artikel Entgelterhöhung vs. Inflation: Dort ist zu sehen, dass die Tariftabelle seit 2018 real hinter den Preisen zurückblieb. Kombiniert man beides – der kleinere Netto-Anteil hier und der reale Rückstand dort –, wird klar, warum sich eine nominal ordentliche Erhöhung im Alltag oft kaum bemerkbar macht.

Deinen eigenen Fall rechnest du am besten direkt im Gehaltsrechner aus: Dort kannst du Steuerklasse, Kirchensteuer und Bundesland einstellen und Brutto wie Netto für dein tatsächliches Gehalt sehen. Weitere Fragen beantwortet der FAQ-Bereich.

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