Entgelterhöhung vs. Inflation: Was ist von den Tariferhöhungen real übrig?
Seit 2018 hat die IG Metall in der Metall- und Elektroindustrie mehrere Tarifabschlüsse erzielt, die das Eckentgelt Schritt für Schritt angehoben haben. Die naheliegende Frage stellt keine Tariftabelle für dich: Ist die Erhöhung mehr als die Inflation? Dieser Artikel rechnet sie aus – am gesamten Jahresbrutto inklusive aller Sonderzahlungen, so wie es der Gehaltsrechner für eine echte Referenzperson berechnet, gegen den amtlichen Verbraucherpreisindex.
Jahresbrutto nominal
+16,9 %
seit 2018 inkl. Sonderzahlungen
Inflation (VPI)
+26,9 %
seit 2018 2018 → 2026
Reale Entwicklung
-7,9 %
seit 2018 Kaufkraft
VPI 2026: Prognose (~2,1 % Jahresdurchschnitt), da noch kein amtlicher Jahreswert vorliegt. Bis zum letzten bestätigten Jahr 2025 liegt die reale Entwicklung bei -9,2 %.
Eine Person, zwei Zahlen
Damit die Prozente greifbar werden, folgen wir einer konkreten Person durch die Jahre – nicht einer Tabelle, sondern einem Menschen mit einem echten Jahresbrutto.
Nehmen wir eine konkrete Person: eine Facharbeiterin in Baden-Württemberg, eingruppiert im Eckentgelt, mit 15 % Leistungszulage. Ihr tarifliches Jahresbrutto – Grundentgelt plus alle Sonderzahlungen – entwickelte sich so:
Klingt nach einem ordentlichen Plus. Doch um sich 2026 genau dasselbe leisten zu können wie 2018, bräuchte sie 64.424 € – so stark sind die Preise gestiegen. Real fehlen ihr also rund 5.098 € im Jahr, ein Kaufkraftverlust von -7,9 %.
Für 2026 liegt noch kein amtlicher Jahres-Verbraucherpreisindex vor; die Rechnung nutzt hier eine als solche gekennzeichnete Prognose. Bis zum letzten bestätigten Jahr 2025 liegt der reale Verlust bei -9,2 %.
Genau hier steckt die ganze Geschichte: Nominal ist ihr Gehalt deutlich gestiegen. Aber weil die Preise noch stärker gestiegen sind, kann sie sich von diesem höheren Gehalt weniger leisten als 2018. Die restlichen Abschnitte erklären, wie es dazu kam.
Runde für Runde: wie ihr Jahresbrutto wuchs
Ihr Gehalt ist nicht in einem Sprung gewachsen, sondern in den einzelnen Tarifrunden. Die folgende Tabelle zeigt für jede Runde ihr tatsächliches Jahresbrutto, die Veränderung zur Vorrunde und den laufenden Vergleich mit den Preisen:
| Runde | Jahresbrutto | Δ zur Vorrunde | Kumuliert nominal | VPI kumuliert | Kumuliert real |
|---|---|---|---|---|---|
| 2018¹ | 50.763 € | — | 0 % | 0 % | 0 % |
| 2023 | 54.336 € | +7 % | +7 % | +19 % | -10 % |
| 2024 | 56.129 € | +3,3 % | +10,6 % | +21,6 % | -9,1 % |
| 2025 | 57.252 € | +2 % | +12,8 % | +24,3 % | -9,2 % |
| 2026 | 59.326 € | +3,6 % | +16,9 % | +26,9 % ² | -7,9 % ² |
¹ 2018 ohne Transformationsgeld (T-Zug T) – das wurde erst in der Tarifrunde 2021 eingeführt und existierte 2018 noch nicht.
² 2026: VPI ist eine Prognose (~2,1 % Jahresdurchschnitt), da noch kein amtlicher Jahreswert vorliegt.
Quelle: eigene Berechnung aus den Entgelttabellen und Sonderzahlungen; VPI: Statistisches Bundesamt (Destatis), Verbraucherpreisindex für Deutschland, Jahresdurchschnitte, Lange Reihen (GENESIS 61111-0001), 2020 = 100, Jahresdurchschnitte, Stand 2026-07-17.
Drei Phasen lassen sich ablesen. 2018 bis 2023 stieg ihr Jahresbrutto trotz eingefrorener Tabelle – dazu gleich mehr. Die Runden 2023, 2024 und 2025 brachten die eigentlichen Tabellenerhöhungen, die die Preisentwicklung ein Stück weit aufholten. Die Runde 2026 legt am kräftigsten zu, weil hier neben der Tabelle auch das T-Zug B deutlich angehoben wurde. In jeder Zeile bleibt die kumulierte reale Spalte dennoch im Minus: Der Vorsprung der Preise aus den Freeze-Jahren wurde nie ganz eingeholt.
Warum trotzdem ein realer Verlust bleibt
Der Grund liegt in der Zeit, nicht in den Prozenten. Die Tabelle von 2018 blieb bis Juni 2023 in Kraft – über die gesamte Inflationsspitze der Jahre 2022 und 2023 hinweg gab es keine Tabellenerhöhung. Während die Preise am schnellsten stiegen, stand der Tabellenwert still. Genau dieser Vorsprung ist im Diagramm sichtbar: Die schwache Eckentgeltlinie bleibt bis 2023 flach, während die Preislinie davonzieht.
Als Tabelle anzeigen
| Jahr | Jahresbrutto (Index) | Eckentgelt (Index) | VPI (Index) |
|---|---|---|---|
| 2018 | 100 | 100 | 100 |
| 2023 | 107 | 105,2 | 119 |
| 2024 | 110,6 | 108,7 | 121,6 |
| 2025 | 112,8 | 110,8 | 124,3 |
| 2026 | 116,9 | 114,3 | 126,9 * |
Dass ihr Jahresbrutto in diesen Jahren trotzdem nicht stillstand, lag an den Sonderzahlungen. In der Tarifrunde 2021 wurde – ohne Tabellenerhöhung – das Transformationsgeld (T-Zug T) neu eingeführt, und das T-Zug B wurde seit 2018 mehr als verdoppelt:
T-Zug B 2018
12,3 %
des Eckentgelts
T-Zug B 2026
26,5 %
14,2 %-Punkte seit 2018
| Tarifjahr | T-Zug B |
|---|---|
| 2018 | 12,3 % |
| 2023 | 18,5 % |
| 2024 | 18,5 % |
| 2025 | 18,5 % |
| 2026 | 26,5 % |
Diese Sonderzahlungen haben den Verlust abgefedert, aber nicht ausgeglichen. Deshalb liegt der reale Wert am Ende zwar über dem der reinen Tabelle – aber immer noch im Minus.
Zwei Ehrlichkeiten zur Rechnung
Erstens gibt es für das laufende Jahr 2026 noch keinen amtlichen Jahres-Verbraucherpreisindex. Wir verwenden deshalb eine als solche gekennzeichnete Prognose (Jahresdurchschnitt, nach EU-Kommission und Sachverständigenrat); alle darauf beruhenden Werte sind in den Tabellen markiert. Bis zum letzten bestätigten Jahr – ganz ohne Prognose – ist der reale Verlust sogar größer, weil die Erhöhung der Tarifrunde 2026 die für dieses Jahr erwartete Inflation übertrifft.
Zweitens beginnt die Rechnung 2018 bewusst ohne das Transformationsgeld, weil es damals noch nicht existierte; würde man es fälschlich schon 2018 mitzählen, sähe der Zuwachs künstlich kleiner aus.
Die Tabelle allein, Jahr für Jahr
Wer nur auf das reine Eckentgelt schauen will – ohne Sonderzahlungen –, findet hier Jahr für Jahr den Preisindex, die Inflationsrate, den Tarifschritt (leer in den Freeze-Jahren) sowie die nominale und reale Entwicklung der Tabelle. Das reale Minus fällt hier größer aus als oben beim Jahresbrutto – weil eben die Sonderzahlungen fehlen. Beide Zahlen sind korrekt; sie messen nur Unterschiedliches. (Am Rande: Nicht jedes Gebiet rundet gleich, Baden-Württemberg etwa auf 0,50 € genau – ein Detail, keine Divergenz.)
| Jahr | VPI-Index | Inflation | Tarifschritt | Kumuliert nominal | Kumuliert real |
|---|---|---|---|---|---|
| 2018 | 98,1 | — | — | 0 % | 0 % |
| 2019 | 99,5 | +1,4 % | — | 0 % | -1,4 % |
| 2020 | 100 | +0,5 % | — | 0 % | -1,9 % |
| 2021 | 103,1 | +3,1 % | — | 0 % | -4,8 % |
| 2022 | 110,2 | +6,9 % | — | 0 % | -11 % |
| 2023 | 116,7 | +5,9 % | +5,2 % | +5,2 % | -11,6 % |
| 2024 | 119,3 | +2,2 % | +3,3 % | +8,7 % | -10,6 % |
| 2025 | 121,9 | +2,2 % | +2 % | +10,8 % | -10,8 % |
| 2026 | 124,5 ¹ | +2,1 % ¹ | +3,1 % | +14,3 % | -9,9 % ¹ |
¹ 2026: Prognose (~2,1 % Jahresdurchschnitt), da noch kein amtlicher Jahres-VPI vorliegt.
Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Verbraucherpreisindex für Deutschland, Jahresdurchschnitte, Lange Reihen (GENESIS 61111-0001). VPI 2020 = 100, Jahresdurchschnitte, Stand 2026-07-17.
Was diese Zahl nicht sagt
Das hier ist die Entwicklung eines Tarif-Jahresbruttos, nicht die eines einzelnen Gehalts. Wer seit 2018 befördert wurde, eine höhere Entgeltgruppe erreicht hat, einen Stufensprung gemacht hat oder eine Leistungszulage über dem regionalen Durchschnitt bekommt, hat den oben gezeigten realen Verlust nicht erlitten. Diese individuellen Effekte liegen außerhalb der Tabelle und außerhalb dieser Rechnung. Wer den Effekt für sein eigenes Gehalt sehen will, rechnet ihn im Gehaltsrechner mit allen Sonderzahlungen nach.
Und die Kaufkraft entscheidet sich am Ende nicht am Brutto, sondern am Netto: Wie viel von einer Tariferhöhung nach Steuern und Abgaben tatsächlich ankommt, klärt der Artikel Was bleibt netto? Kalte Progression erklärt.